Die Pflege - eine Macht ohne Lobby?

Jedes Jahr wird am 12. Mai, in Erinnerung an den Geburtstag der britischen Krankenpflegerin und Pionierin der modernen Krankenpflege, Florence Nightingale, der Internationale Tag der Pflege begangen. Und wenngleich sich die Pflege gerade in den vergangenen beiden Jahren noch einmal verstärkt in das Bewusstsein der Bevölkerung gebrannt hat, wird ihr noch immer nicht die Beachtung geschenkt, die sie als Stütze der Gesellschaft verdient hätte.

Die Auswirkungen der aktuellen Pandemie treffen ohne jeden Zweifel beinahe alle Märkte auf der ganzen Welt – nicht umsonst werden überall „Rettungsschirme“ von der Bundesregierung aufgespannt. Der Pflege-Rettungsschirm wurde sogar bis zum 30. Juni 2021 verlängert – doch was kommt danach? Die Pflege muss auch abseits einer Pandemie deutlich mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft und der Politik rücken – denn wenngleich auch die Pflege im Vergleich zu Deutschlands „Top-Märkten“ klein wirken mag, so ist sie doch ein Riese unter den „Kleinen“.

Wenig Aufmerksamkeit aufgrund geringen Marktvolumens?

Um den Umsatz der Pflegebranche mit anderen Märkten vergleichen zu können, darf selbstverständlich nur der Umsatz betrachtet werden, der im Inland entsteht – Umsätze durch Exporte und andere Auslandsumsätze dürfen hierbei keine Rolle spielen – nicht zuletzt kann auch die Pflege schlecht „exportiert“ werden. Somit „schrumpft“ für das Jahr 2019 selbst der größte deutsche Markt, die Automobilindustrie von einem Gesamtmarktvolumen in Höhe von 436,2 Milliarden Euro auf ein Inlandsumsatz von 153,4 Milliarden Euro. Noch immer ein riesiger Markt, ohne jede Frage – jedoch bei weitem nicht mehr derart übertrumpfend, wie zuerst angenommen werden könnte. Ebenfalls zu den Top 3 Märkten gehören die Ernährungsindustrie (Inland: 122,2 Milliarden Euro Umsatz) und der Maschinenbau (Inland: 98 Milliarden Euro Umsatz). Gegen jene Top-Märkte mag die Pflegebranche im ersten Moment klein wirken. Für das Jahr 2018 kann ein Gesamtumsatz von 56,8 Milliarden Euro angenommen werden – 21,3 Milliarden Euro hiervon entfallen dabei auf den ambulanten Sektor.

Zeitgleich zeigt ein ähnlich essenzieller Markt in Deutschland ein geringeres Marktvolumen: Der Markt der „Personenbeförderung im Landverkehr“ bezeichnet vor allen Dingen Schulbusse und Busse im Werksverkehr und deckt damit einen großen Teil der deutschen Infrastruktur ab, welcher nötig ist, um Menschen an ihre Arbeitsstelle zu bringen. Wird hier gestreikt, das dürfte jeder schon einmal erlebt haben, hat das enorme Auswirkungen auf die Arbeitskraft tausender Mitbürger. Das erwirtschaftete Marktvolumen lag im Jahr 2017 laut statistischem Jahrbuch 2019 bei 34,3 Milliarden Euro und damit beinahe nur halb so hoch wie die Pflege selbst. Beide Märkte sind dabei essenziell und systemrelevant, wenngleich sich das auch nicht direkt im Marktvolumen messen lässt. 
Aufgrund der starken Umstrukturierungen und der notwendigen Corona-Vorgaben konnten zahlreiche Veranstaltungen im vergangenen Jahr nicht stattfinden. Somit rückten auch auf einmal die Sorgen und Nöte der Messeveranstalter ins Blickfeld, die mit einem Marktvolumen von 4,1 Milliarden Euro in Hinblick auf die Umsatzstärke in einer völlig anderen Liga als die Pflege spielen, medial jedoch ebenfalls stark bedacht wurden. Es zeigt sich, dass das Marktvolumen nicht über die Bedeutung oder Aufmerksamkeit bestimmen kann. Ein eindeutiges Zeichen für die Pflege, dass diese mit noch mehr Elan öffentlich stattfinden kann, vielleicht sogar muss.

Pflege ist ein "Peoplebusiness"

Noch deutlicher wird die Bedeutung der Pflege, sobald sich der Blick vom Umsatz abwendet und sich der Fokus auf die Mitarbeiter der Branchen legt. Insgesamt arbeiteten in der Pflege im Jahr 2019 rund 1,2 Millionen Menschen. Bei Betrachtung der Mitarbeiterzahlen zeigt sich die Pflege als eindeutig stärkste Kraft und setzt sich sogar deutlich vor den Marktprimus, die Autoindustrie, mit einer Million Menschen (2019). Gerade die Ernährungsindustrie, die mehr als das doppelte an Marktvolumen als die Pflege erwirtschaften konnte, beschäftigt gerade einmal rund die Hälfte (618.000) Mitarbeiter wie die Pflege. Besonders stark wird die Diskrepanz, wenn man das Marktvolumen und die Anzahl der Mitarbeiter in jeder Branche übereinanderlegt und einen direkten Vergleich zieht.

Pflege muss sich ihrer Stimme bewusst werden

Die Betrachtung der unterschiedlichen Märkte zeigt einmal mehr, dass von Seiten der Politik ein starker Handlungsbedarf zur Stärkung der Pflege gegeben ist. Mehr als eine Million Menschen arbeiten in Deutschland in der Pflegebranche und sorgen nach Kräften für eine gute Pflege. Völlig ungeachtet des Marktvolumens muss sich die Pflege ihrer Stimme noch bewusster werden, um auch nach dem Ende der Pandemie für die eigenen Interessen und die Ihrer Klient*innen einzustehen.

Diese Analyse wurde von der Landhausküche von apetito in Auftrag gegeben, umgesetzt von pflegemarkt.com